»I’m just for doing my own thing and fuck everybody else« – Über Julie Doucets Comics

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Im Mai haben wir Euch in unserer Sendung zu feministischen Comics unter anderem auch Julie Doucet vorgestellt. Hier folgt jetzt endlich der Beitrag von Marcie zum Nachlesen.

Julie Doucet wurde in einer Silvesternacht 1965 geboren und wuchs in Montreal auf. Von 1983 bis 1987 studierte sie dort an einer Kunsthochschule und begann im letzten Jahr ihres Studiums mit der Veröffentlichung ihrer selbst kopierten Minicomic-Reihe namens »Dirty Plotte«. Plotte ist ein frankokanadischer Slangausdruck, kann wohl ganz gut mit Fotze übersetzt werden.

Ihre Comics sind immer autobiografisch, behandeln ihren Alltag, ihre Menstruation, ihre eigene Schüchternheit, Liebesgeschichten, das Lernen an der Kunsthochschule und immer wieder skurrile Wünsche oder seltsame Träume, die sie hat.
Meine Lieblingsgeschichte ist beispielsweise die, in der sie aufwacht und spürt, dass ihr Tampon voll ist. Bei der kleinsten Bewegung würde sie überlaufen! Also beginnt sie sich ganz stark zu konzentrieren und manövriert sich anschließend schwebend durch ihre Wohnung – ohne anzuecken! – ins Badezimmer, um dort mit einer eleganten Rolle direkt über der Kloschlüssel zu landen. Herrlich!

 

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Seite aus Schnitte 1

 

Was macht Julies Comics feministisch? Comickollege Peter Bagge fragte sie einmal in einem Interview nach der feministischen Komponente ihrer Arbeiten und bekam als Antwort »I’m just for doing my own thing and fuck everybody else«. Es ist nicht Julies Ding in ihren Comics Politik zu verhandeln, Misstände anzuprangern oder über das Patriarchat aufzuklären. Political Correctness liegt ihr fern. Dennoch – oder gerade deswegen – sprühen ihre Geschichten vor feministischer Selbstermächtigung. Allein wie sie sich das Schimpfwort Plotte erkämpft und es in fetten Buchstaben stolz und mutig auf ihre Comic-Cover packt! Sie thematisiert ihre eigene Sexualität und ihre Phantasien und scheißt dabei auf Etikette, Körpernormen oder Sauberkeit. Würde man ihr unterstellen, sie beschreibe mit ihren Comics die Welt aus einer weiblichen Perspektive, würde sie einem wohl den Mittelfinger zeigen und entgegnen, dass sie allein aus doucetscher Perspektive schildert. Dennoch erkenne ich mich in ihren Geschichten wieder und fühle mich durch ihre Schilderungen gestärkt.

Da gibt es noch diese andere kurze Story, mit dem Titel »Wäre ich ein Mann« – eine Phantasie, die öfter bei ihr auftaucht: Wäre Julie ein Mann hätte sie nämlich einen praktischen Penis und schildert dann in sechs fantastischen Panels, was ihn so praktisch mach. Man könnte ihn nämlich aufschrauben und alles mögliche hineintun: Zahnbürste, Stifte, Unterhosen, Kondome. Es wäre aber auch ein romantischer Penis, in den man, um die Freundin zu überraschen, einen Blumenstrauß stecken kann. Und lustig wäre er auch, wenn Julie ihn als drittes Piratenbein präsentiert oder ihm ein Halfter um die Eichel legt. Und wie würde sie ihren Penis nennen? Na klar, Mustang!

Es ist diese Unbeschwertheit und Heiterkeit , durch die ihre Geschichten so viel Spaß machen. Aber auch ernstere Themen, wie ihr wiederkehrender Traum von übergriffigen Männern, die ihr auf dem Nachhauseweg begegnen, schildert sie authentisch.

Sowohl in ihrer ehrlichen und sich selbst gegenüber oft schonungslosen Erzählart als auch in ihren detailreichen spontanen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, erkennt man ihr Vorbild Robert Crumb wieder. 1989 erschien eine ihrer Stories in Crumbs Comicreihe Weirdo, wodurch sie bekannter wurde. In den 90er Jahren zog Julie mehrmals um: 1991 nach New York City, 1992 nach Seattle, 1995 nach Berlin und 1998 wieder zurück nach Montréal. Die Erfahrungen diesbezüglich finden sich in ihren Comics wieder, wie beispielsweise im »New York Tagebuch«.

Ab etwa 1998 hört Julie auf, Comics zu machen und widmet sich mehr der nicht-narrativen Kunst. Zwar kehrte sie sporadisch immer mal wieder zu den Comics zurück, veröffentlichte aber seit 2000 so gut wie kein neues Material mehr in diesem Medium. In einem Interview vom Juni 2006 erklärte sie sich glücklich über ihre Entscheidung, sich vollständig vom Zeichnen von Comics zurückgezogen zu haben und begründete dies sowohl mit den Eigenarten des Mediums als auch mit dem typischen Umfeld von Lesern und anderen Autoren – vorzugsweise männlichen Comicnerds, die über nichts anderes reden können und die sie ermüdeten. Mittlerweile arbeitet Julie hauptsächlich mit Linolschnitten und Collagen sowie an Gedichten.

Wenn ihr aber trotzdem ihre Comics lesen wollt, seien euch die deutschen Ausgaben, die beim deutschen Comicverlag Reprodukt erschienen sind empfohlen: Fangt am besten mit dem Minicomic »Traumgeburten« an, der kostet nur 3 Euro und danach wollt ihr euch eh den Rest holen.

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Panel aus Traumgeburten

 

Julie Doucet bei Reprodukt
Traumgeburten – Ein Minicomic
New York Tagebuch – Geschichte ihres einjährigen Aufenthalts in der amerikanischen Metropole
Schnitte 1 und 2 – eine Sammlung von Kurzgeschichten

Und bei Edition Moderne
Wahre Haushaltscomics – Mit Comics aus ihrer Reihe Dirty Plotte

Frauenrechte sind Menschenrecht!

568_patu_feminismuscomic_presseKMit dem Sach-Comic „Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext“ nahmen sich Patu und Antje Schrupp viel vor. Wenn auch der Feminismus häufig klein geredet und immer wieder für tot erklärt wird, so lassen sich doch unter diesem Begriff viele verschiedenen Postionen zusammenfassen. So, dass man sich nur schwerlich vorstellen kann, dies alles hätte auf den 86 Seiten Platz. Aber Bilder sagen ja bekanntlich mehr als Worte.

Und tatsächlich gelingt es der Kleinen Geschichte unter Teilüberschriften wie zum Beispiel  „Antike“ oder „Feminismus Im Mittelalter“ innerhalb von 2-6 Seiten große Zeitspannen in kleine Illustrationen zu packen. Die einzelnen Positionen werden meist nur angerissen. Für eine vertiefende Beschäftigung werden aber immer reichlich Anhaltspunkte, Namen und Thesen genannt, die als Ausgangspunkt für eine eigene weitere Recherche dienen können.

Interessante Frauen werden porträtiert und mit ihren Forderungen chronologisch eingeordnet. Es gelingt dadurch die Frauenbewegung als folgerichtig, nachvollziehbar und als eine Bewegung im Fortschritt darzustellen.

Am Ende stellt sich unweigerlich die Frage, wo steht die Bewegung momentan? Wie sieht die aktuelle Problemlage aus? Was gilt es zu unternehmen?
Und das ist doch eine enorme Leistung für ein Buch.

 

Antje Schrupp, Patu
Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext
Unrast Verlag, August 2015
86 Seiten, 2. erweiterte Auflage
ISBN 978-3-89771-595-0
9,80 Euro

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Comics studieren

Als eines der größten Museen und Forschungszentren hat das Smithsonian Institut auch vor popkulturellen Themen nie Halt gemacht. Momentan bietet das SI über die MOOC-Plattform edX einen Kurs unter dem Titel ‚The Rise of Superheroes and Their Impact On Pop Culture‘ an.

Seit dem 16. Februar kann man sich nun in die Welt der amerikanischen Superhelden einführen lassen. Und das von einem hochrangig besetzten Team. Unter anderem berichten Marvel-Legende Stan Lee und Michael Uslan vom Business und eben auch vom Einfluss der Superhelden auf die vornehmlich amerikanische Popkultur.

Beim ersten reinblinzeln stieß ich auf die Heromachine. Was ein Spaß.

Heromachine

Marcel Ruijters: Hieronymus Bosch – The Unauthorised Biography

Jheronimus_ruijtersDieses Jahr sieht den 500. Todestag von Hieronymus Bosch. Die eigens für dieses Jubiläum gegründete Bosch500 Stiftung fährt dazu ein großes Programm auf. Mindestens die Ausstellung in seiner Heimatstadt ’s-Hertogenbosch ist Plicht!

Ja, Bosch: Finster, finster! Bis heute sind seine Bilder nicht entschlüsselt und der Meister war klug genug, sich nicht zu seinem Werk zu äußern.

Was ich aber sagen wollte ist: Die Bosch500 Stiftung und der Mondriaan Art Fond haben dazu den von mir hochgeschätzten niederländischen Zeichner Marcel Ruijters mit einer [fiktiven] Biografie Boschs beauftragt.

Dafür hätten sie keinen besseren finden können, denn Ruijters eigenes Werk ist mitunter ähnlich rätselhaft und sinister.

Da soll mal einer sagen, Comics und Bildung gehen nicht zusammen!


Hieronymus Bosch: The Unauthorised Biography
Taschenbuch: 160 Seiten englisch
Verlag: Knockabout Comics [15. Oktober 2015]
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0861662466
ISBN-13: 978-0861662463

It’s all about telling stories

Often I found myself wondering why nearly every piece of art (songs, paintings, novels) is about telling a story. A main character goes somewhere, meets someone and has some adventures. More often than not, such stories seem interchangeable. But after reading ‚The Encyclopedia of Early Earth‘ by Isabel Greenberg I know why we tell stories – and later on I will tell you.

‚The Encyclopedia of Early Earth‘ is a graphic novel, which means it’s a comic picture book for adults. It tells the story of a storyteller using very complex structure. It could be described as a collection of stories within stories about stories. Reading the book the second time makes this structure clearer to me, but this doesn’t mean that it is hard to read. Actually, it’s a lot of fun to read it again and again. The characters sparkle with vividness and self-will. The stories told in this book seems like a mixture and a mockery of the Old Testament, Greek mythology and fairy and folk tales, while the style of drawing looks archaic and reminds me of Expressionist woodcuts. Underlining the impression of woodcuts the panels are mostly in black and white with a subtle but highlighting use of colour. The life on Early Earth itself is shown as very archaic, too. More often than not, it’s about humans or gods giving life or taking life by hunting, making love, giving birth, murdering, sacrificing, creating, flooding and so on. And this seams to be the key to understanding why people tell stories. It is about living and dying and remembering what happens in-between.

Isabel Greenberg is a writer and illustrator who lives and works in London. She studied illustration at the University of Brighton. ‚The Encyclopedia of Early Earth‘ is her first graphic novel and an impressive debut.

http://www.isabelnecessary.com/